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Die Furcht des Weisen / Band 1 Die Königsmörder-Chronik. Zweiter Tag
von Patrick Rothfuss
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EPUB
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- Erschienen: 01.10.2011
- Sofort per Download lieferbar.
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Erschienen bei: Klett Cotta
- ISBN-10: 3-608-10226-4
- Einband: EPUB,
- Auflage: 1
- Seitenzahl: 857
- Sprache(n): Deutsch
- Spieldauer: 5257 KB Minuten
- Kopierschutz: Ja
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Kurzbeschreibung zu "Die Furcht des Weisen / Band 1"
Jetzt auch als E-Book zum günstigen Sonderpreis von 17,99 EUR! Dieser Band ist der auf »Der Name des Windes« folgende Band 2. Drei Dinge gibt es, die jeder Weise fürchtet: den Sturm auf hoher See, eine mondlose Nacht und den Zorn eines sanftmütigen Mannes. Verfolgen Sie die Abenteuer von Kvothe, wie er zum größten Magier seiner Zeit wurde. Eine Intrige zwingt Kvothe die arkanische Universität zu verlassen. Seine Suche nach den sagenumwobenen Chandrian, die seine Eltern getötet haben, führt ihn an den Hof von Maer Alveron, und weiter zu den sturmumwogten Hügeln von Ademre. Schließlich gelangt er in das zwielichtige Reich der Fae, wo er der sagenumwobenen Felurian begegnet, der bisher noch kein Mann widerstehen konnte ... Eine Geschichte voller Poesie und Musik, voller Leidenschaft, aber auch voller Intrigen, dunkler Geheimnisse und Magie. Dieser zweite Band von »Der Name des Windes« steckt wieder voller neuer Geschichten und Ideen von Patrick Rothfuss. Der Band ist daher so umfangreich geworden, dass man ihn teilen musste in zwei Bände - »Die Furcht des Weisen 1« und »Die Furcht des Weisen 2«. Mit »Die Furcht des Weisen« legt Patrick Rothfuss den zweiten Teil der Königsmörder-Chronik-Trilogie vor, der in den USA bei Kritikern und Fantasylesern begeistert aufgenommen wurde und schon bald einen der vorderen Plätze in der New York Times Bestsellerliste belegte. 2007 wurde Patrick Rothfuss für seinen Roman »Der Name des Windes« mit dem Quill Award sowie dem Pulishers Weekly Award für das beste Fantasy-Buch des Jahres ausgezeichnet.
Beschreibung von "Die Furcht des Weisen / Band 1"
Dieser Band ist der auf »Der Name des Windes« folgende Band 2. Drei Dinge gibt es, die jeder Weise fürchtet: den Sturm auf hoher See, eine mondlose Nacht und den Zorn eines sanftmütigen Mannes. Verfolgen Sie die Abenteuer von Kvothe, wie er zum größten Magier seiner Zeit wurde. Eine Intrige zwingt Kvothe die arkanische Universität zu verlassen. Seine Suche nach den sagenumwobenen Chandrian, die seine Eltern getötet haben, führt ihn an den Hof von Maer Alveron, und weiter zu den sturmumwogten Hügeln von Ademre. Schließlich gelangt er in das zwielichtige Reich der Fae, wo er der sagenumwobenen Felurian begegnet, der bisher noch kein Mann widerstehen konnte Eine Geschichte voller Poesie und Musik, voller Leidenschaft, aber auch voller Intrigen, dunkler Geheimnisse und Magie. Dieser zweite Band von »Der Name des Windes« steckt wieder voller neuer Geschichten und Ideen von Patrick Rothfuss. Der Band ist daher so umfangreich geworden, dass man ihn teilen musste in zwei Bände - »Die Furcht des Weisen 1« und »Die Furcht des Weisen 2«. Mit »Die Furcht des Weisen« legt Patrick Rothfuss den zweiten Teil der Königsmörder-Chronik-Trilogie vor, der in den USA bei Kritikern und Fantasylesern begeistert aufgenommen wurde und schon bald einen der vorderen Plätze in der New York Times Bestsellerliste belegte. 2007 wurde Patrick Rothfuss für seinen Roman »Der Name des Windes« mit dem Quill Award sowie dem Pulishers Weekly Award für das beste Fantasy-Buch des Jahres ausgezeichnet.
Leseprobe aus "Die Furcht des Weisen / Band 1"
Prolog Eine dreistimmige Stille Der Morgen nahte. Das Wirtshaus zum Wegstein lag in Stille, und es war eine dreistimmige Stille. Der vernehmlichste Teil dieser Stille war umfassend und lastendund verdankte sich dem, was fehlte. Hätte ein Gewittersturm geweht, so hätte Regen auf die Selas-Ranken hinterm Haus getrommelt und geprasselt. Donnergrollen hätte die Stille wie fallendes Herbstlaub die Straße hinab gescheucht. Hätten sich Reisende in den Zimmern geregt, so hätten sie mit ihrem Gemurmel und Bettengeknarre die Stille wie halb schon vergessene Träume zum Verschwinden gebracht. Wäre Musik erklungen ... aber nein, natürlich erklang keine Musik. All das fehlte, und so blieb es still. Im Wirtshaus zog ein dunkelhaariger Mann sehr behutsam die Hintertür hinter sich zu. In vollkommener Dunkelheit schlich er durch Küche und Schankraum und die Kellertreppe hinab. Mit der Leichtigkeit langer Erfahrung wich er dabei Dielen und Stufen aus, die unter seiner Last geknarzt oder geächzt hätten. Seine langsamen Schritte machten auf dem Boden nur das allerleiseste Tapp! Damit fügte er der großen, lastenden Stille seine kleine, verstohlene hinzu. Daraus entstand ein Gemisch, mit einer gegenläufigen Stimme. Die dritte Stille war weit weniger vernehmlich. Hätte man lange genug gelauscht, so hätte man vielleicht begonnen, sie in der Kälte der Fensterscheiben und der glatt verputzten Wände des Zimmers des Wirts zu erahnen. Sie ruhte in der dunklen Truhe, die am Fußende seines harten, schmalen Bettes stand. Und sie ruhte in den Händen des Mannes, der reglos darauf lag und auf das erste fahle Licht der Morgendämmerung wartete. Der Mann hatte leuchtend-, ja flammend rotes Haar. Seine Augen blickten dunkel und abwesend, und er lag dort mit der resignierten Miene dessen, der jede Hoffnung auf Schlaf längst aufgegeben hat. Das Wirtshaus gehörte ihm, wie ihm auch die dritte Stille gehörte. Und das war nur recht und billig so, denn sie war die größte der dreifachen Stille und schloss die anderen ein. Sie war so tief und so weit wie der Spätherbst. Sie wog so schwer wie ein großer, vom Fluss glatt geschliffener Stein. Es war der geduldige, blumensichelnde Laut eines Mannes, der darauf wartet zu sterben. Kapitel 1 Apfel und Holunder Bast lehnte gelangweilt an dem langen Mahagonitresen. Er sah sich in dem leeren Schankraum um, seufzte und kramte ein sauberes Leinentuch hervor. Dann begann er mit resignierter Miene einen Abschnitt des Tresens zu polieren. Bald darauf beugte er sich vor und beäugte einen bis dahin übersehenen Fleck. Er schabte mit einem Fingernagel daran herum und runzelte angesichts des Schmierfilms, den sein Finger hinterließ, die Stirn. Sich noch weiter vorbeugend, hauchte er auf die Stelle, so dass sie beschlug, und polierte energisch nach. Dann hielt er inne, hauchte noch einmal aufs Holz und schrieb mit dem Finger ein obszönes Wort in den Dunst. Dann warf er das Tuch beiseite und ging zwischen den leeren Tischen hindurch zu den breiten Wirtshausfenstern. Dort blieb er einen Moment lang stehen und sah auf die unbefestigte Straße hinaus, die durch die Mitte des Orts verlief. Er seufzte erneut und fing an, im Raum auf und ab zu gehen. Er bewegte sich mit der beiläufigen Anmut eines Tänzers und der vollkommenen Nonchalance einer Katze. Doch wenn er sich mit den Händen durchs dunkle Haar fuhr, wirkte diese Geste rastlos. Seine blauen Augen blickten unablässig im Raum hin und her, als suchte er nach einem Ausgang. Als suchte er nach etwas, das er nicht schon hunderte Male gesehen hatte. Doch da war nichts Neues. Leere Tische und Stühle. Leere Hocker vor dem Tresen. Auf dem Büfett dahinter ragten zwei mächtige Fässer empor, eines für Whiskey, eines für Bier. Zwischen den Fässern stand ein buntes und vielgestaltiges Flaschensortiment. Und über den Flaschen hing ein Schwert. Basts Augenmerk richtete sich auf die Flaschen. Er betrachtete sie abwägend, kehrte wieder hinter den Tresen zurück und nahm einen Tonkrug zur Hand. Er atmete tief ein und wies mit dem Zeigefinger auf die erste Flasche der unteren Reihe. Während er mit dem Finger an der Flaschenreihe entlang fuhr, sang er leise vor sich hin: Maid und Maibaum. Zwist zu zwein. Esche. Asche. Holderwein. Beim letzten Ton zeigte er auf eine gedrungene, grüne Flasche. Er entkorkte sie, probierte ein Schlückchen und verzog schaudernd das Gesicht. Schnell stellte er die Flasche zurück und nahm stattdessen eine bauchige, rote zur Hand. Auch von deren Inhalt kostete er, bewegte nachdenklich die befeuchteten Lippen aneinander, nickte und goss sich ein ordentliches Quantum ein. Dann deutete er auf die nächste Flasche und setzte seinen Singsang fort: Frau am Feuer. Mondgesicht. Fichte. Fenster. Kerzenlicht. Diesmal war es eine klare Flasche mit einer hellgelben Flüssigkeit darin. Bast zog den Korken heraus und kippte sich, ohne zu probieren, einen Schuss in den Krug. Dann stellte er die Flasche beiseite, schwenkte den Krug dramatisch und trank einen tiefen Schluck. Ein Strahlen zeigte sich auf seinem Gesicht, und er schnippte mit dem Finger an die Flasche und ließ sie hell erklingen, eh er seinen Singsang wieder aufnahm: Bierfass. Barfuß. Stein und Stock. Wind und Wasser – Eine Diele knarrte, und Bast hob den Blick und lächelte freudig. »Guten Morgen, Reshi.« Der rothaarige Wirt stand am Fuß der Treppe. Er strich sich mit den feingliedrigen Händen über die saubere Schürze und die langen Hemdsärmel. »Ist unser Gast schon wach?« Bast schüttelte den Kopf. »Hab keinen Mucks gehört.« »Er hat ein paar harte Tage hinter sich«, sagte Kote. »Das hat ihn jetzt wahrscheinlich eingeholt.« Er stutzte, hob den Kopf und schnupperte. »Hast du getrunken?« Die Frage klang eher neugierig als vorwurfsvoll. »Nein«, sagte Bast. Der Wirt hob eine Augenbraue. »Ich habe probiert«, sagte Bast. »Das Probieren geht dem Trinken voraus.« »Ah«, sagte der Wirt. »Dann hast du dich also bereit gemacht zu trinken?« »Aber ja«, sagte Bast. »Und zwar bis zum Exzess. Was gibt's denn hier auch sonst zu tun?« Bast zog seinen Krug unterm Tresen hervor und sah hinein. »Ich hatte auf Holunder gehofft, aber das ist irgendeine Melonenart.« Er schwenkte den Krug und überlegte. »Und irgendwas Würziges.« Er trank noch einen Schluck und kniff nachdenklich die Augen zusammen. »Zimt?«, fragte er und sah sich zu den Flaschenreihen um. »Haben wir überhaupt noch Holunder?« »Steht da irgendwo«, sagte der Wirt, ohne hinzublicken. »Warte mal kurz, und hör mir zu, Bast. Wir müssen reden. Über das, was du gestern Abend getan hast.« Bast erstarrte. »Was hab ich denn getan, Reshi?« »Du hast dieses Mael-Wesen aufgehalten«, sagte Kote. »Ach so, das.« Bast entspannte sich wieder und machte eine wegwerfende Geste. »Ich hab es nur ein wenig gebremst, Reshi. Weiter nichts.« Kote schüttelte den Kopf. »Dir war klar: Das ist nicht nur irgendein Verrückter. Und du hast versucht, uns zu warnen. Wenn du nicht so schnell reagiert hättest ...« Bast runzelte die Stirn. »Nicht schnell genug, Reshi. Es hat Shep erwischt.« Er blickte auf den gründlich geschrubbten Dielenboden vor dem Tresen. »Ich mochte Shep.« »Alle anderen werden glauben, dass uns der Schmiedelehrling gerettet hat«, sagte Kote. »Und das ist wahrscheinlich auch besser so. Ich aber weiß, wie es wirklich war. Wenn du nicht gewesen wärst, hätte dieses Wesen alle hier niedergemetzelt.« »Ach, Reshi, das stimmt doch nicht«, sagte Bast. »Du hättest es auch im Handumdrehen erledigt. Ich bin dir nur zuvorgekommen.« Der Wirt tat die Bemerkung mit einem Achselzucken ab. »Der gestrige Abend hat mich nachdenklich gemacht«, sagte er. »Ich überlege, was wir tun könnten, um hier für ein bisschen mehr Sicherheit zu sorgen. Hast du mal ?Die weißen Reiter? gehört?« Bast lächelte. »Das war schon unser Lied, bevor es eures wurde, Reshi.« Er holte Luft und sang mit schöner Tenorstimme: Sie ritten Pferde wie Schnee so weiß, Die Schwerter und Bögen silbern wie Eis. Sie trugen frische Kränze ums Haupt Mit roten Beeren und grün belaubt. Mit roten Beeren und grün belaubt. Der Wirt nickte. »Genau an diese Strophe habe ich gedacht. Meinst du, du könntest dich darum kümmern, während ich hier alles vorbereite?« Bast nickte begeistert und stürmte förmlich hinaus, hielt nur an der Küchentür noch einmal inne. »Ihr fangt aber nicht ohne mich an, ja?«, fragte er besorgt. »Wir fangen an, sobald unser Gast gefrühstückt hat und bereit ist«, sagte Kote. Als er den Ausdruck auf dem Gesicht seines Schülers sah, ließ er sich ein wenig erweichen. »Du hast also noch ein oder zwei Stunden Zeit, nehme ich an.« Bast blickte zur Tür hinaus und sah sich dann noch einmal um. Belustigung huschte über das Gesicht des Wirts. »Und ich werd dich rufen, bevor wir anfangen.« Dann machte er eine scheuchende Handbewegung. Jetzt aber los! Der Mann, der sich Kote nannte, ging im Wirtshaus zum Wegstein seiner üblichen Morgenroutine nach. Er bewegte sich wie ein Uhrwerk, wie ein Wagen, der in ausgefurchten Fahrspuren den Weg hinabrollt. Als Erstes kam das Brot. Er mischte mit den Händen, ohne abzumessen, Mehl, Zucker und Salz. Dann fügte er aus einem Tontopf in der Vorratskammer Sauerteig hinzu, knetete alles gründlich durch, formte die Laibe und stellte sie zum Aufgehen beiseite. Er schaufelte die Asche aus dem Küchenofen und feuerte ihn an. Als Nächstes ging er in den Schankraum und machte auch in dem schwarzen Kamin Feuer, nachdem er die Asche aus der großen Kaminsohle an der Nordwand gekehrt hatte. Er pumpte Wasser, wusch sich die Hände und holte ein Stück Lammfleisch aus dem Keller. Er hackte frisches Anzündholz, trug Brennholz herein, gab den aufgehenden Broten einen Klaps und stellte sie näher an den nun warmen Ofen. Und dann gab es mit einem Mal nichts mehr zu tun. Alles war bereit. Alles war sauber und geordnet. Der rothaarige Mann stand hinter dem Tresen, und sein Blick kehrte langsam aus der Ferne zurück und richtete sich auf das Hier und Jetzt, auf das Wirtshaus. Schließlich verharrte sein Blick bei dem Schwert, das über den Flaschen an der Wand hing. Es war kein sonderlich schönes Schwert, weder reich verziert noch sonst irgendwie auffällig. In gewisser Weise aber wirkte es bedrohlich, wie auch eine hohe Felsklippe bedrohlich wirkt. Es war grau und unbeschädigt und fühlte sich kalt an. Es war so scharf wie zersprungenes Glas. Und in das schwarze Holz der Wandhalterung war ein Wort graviert: Torheit. Der Wirt hörte schwere Schritte auf dem hölzernen Absatz vor der Eingangstür. Der Türriegel klapperte, gefolgt von lautem Hallo! und Pochen. »Einen Moment!«, rief Kote. Er eilte zum Eingang und drehte den schweren Schlüssel im blanken Messingschloss. Graham stand vor ihm, die kräftige Hand zum Anklopfen erhoben. Als er den Wirt erblickte, zeigte sich auf seinem wettergegerbten Gesicht ein Lächeln. »War Bast heute wieder vor dir im Dienst?«, fragte er. Kote gab ihm ein nachsichtiges Lächeln zur Antwort. »Er ist ein guter Junge«, sagte Graham. »Bloß ein bisschen wirr im Kopf. Ich dachte, ihr hättet heute vielleicht geschlossen.« Er räusperte sich und blickte zu Boden. »Wäre ja kein Wunder, wenn man bedenkt ...« Kote steckte den Schlüssel in seine Hosentasche. »Wir haben geöffnet – wie jeden Tag. Was kann ich für dich tun?« Graham trat einen Schritt beiseite und wies mit einer Kopfbewegung auf die Straße, wo auf einem Karren drei Fässer standen. Sie waren nagelneu, aus hellem, poliertem Holz und blanken Metallreifen. »Mir war klar, dass ich heute Nacht kein Auge zukriegen würde, und da hab ich das Letzte schnell für dich zusammengezimmert. Außerdem hab ich gehört, dass die Bentons heute ihre ersten Spätäpfel ausliefern.« »Danke, das ist sehr freundlich von dir.« »Schön dicht, darin halten sie den ganzen Winter.« Graham ging hinüber und klopfte stolz an ein Fass. »Es gibt doch nichts besseres als einen Winterapfel, um den Hunger in Schach zu halten«, sagte er und fuhr mit einer Hand über einen blanken Fassreifen. »Ich hab noch nie ein Fass mit Messingreifen gemacht, aber die hier sind mir wirklich gut gelungen. Sag Bescheid, falls sie sich lösen sollten. Dann kümmere ich mich drum.« »Freut mich, dass es kein allzu großer Umstand war«, sagte der Wirt. »Der Keller ist feucht, und ich fürchte, Eisen würde in ein paar Jahren glatt durchrosten.« Graham nickte. »Sehr vernünftig«, sagte er. »Nur wenige Leute denken so vorausschauend.« Er rieb sich die Hände. »Hilfst du mir reintragen? Nicht dass ich versehentlich eins fallenlasse und dein Boden eine Schramme abkriegt.« Sie machten sich an die Arbeit. Zwei Fässer kamen in den Keller, und das dritte trugen sie um den Tresen herum, durch die Küche und weiter in die Vorratskammer. Anschließend kamen die Männer zurück in den Schankraum, jeder auf seine Seite des Tresens. Einen Moment lang herrschte Schweigen, indes sich Graham in dem leeren Raum umsah. Am Tresen standen zwei Hocker weniger als sonst, und an einer Stelle fehlte ein Tisch. In dem sonst so ordentlichen Schankraum fiel so etwas sofort auf, wie fehlende Zähne in einem Gebiss. Graham löste den Blick von einem gründlich geschrubbten Bodenabschnitt vor dem Tresen. Er griff in seine Hosentasche und zog zwei stumpfe Eisen-Scherflein hervor, und seine Hand zitterte kaum dabei. »Machst du mir bitte ein kleines Bier, Kote?«, sagte er mit rauher Stimme. »Ich weiß, es ist noch früh, aber ich hab einen langen Tag vor mir. Ich helfe den Murrions bei der Weizenernte.« Der Wirt zapfte das Bier und stellte es Graham wortlos hin. Der trank es in einem tiefen Zug halb aus. Seine Augen waren gerötet. »Schlimme Sache gestern Abend«, sagte er, ohne Blickkontakt zu suchen, und trank noch einen Schluck. Kote nickte. Schlimme Sache gestern Abend. Das war wahrscheinlich das Einzige, was Graham über den Tod eines Mannes zu sagen hatte, den er von Kindesbeinen an gekannt hatte. Diese Leute waren vertraut mit dem Tod. Sie schlachteten ihr Vieh selbst. Sie starben an Fieber, an Stürzen oder an nicht heilenden Knochenbrüchen. Der Tod war wie ein unangenehmer Nachbar. Man sprach nicht über ihn, aus Furcht, er könnte davon erfahren und sich zu einem Besuch aufgefordert fühlen. Außer in Geschichten natürlich. Geschichten über vergiftete Könige oder Duelle oder lang zurückliegende Kriege waren in Ordnung. Sie kleideten den Tod in fremde Gewänder und schickten ihn weit von der eigenen Haustür fort. Ein Kaminbrand oder Krupphusten: Das war beängstigend. Gibeas Gerichtsverfahren aber oder die Belagerung von Enfast: Das war etwas anderes. Das war wie die Gebete oder wie die Beschwörungsformeln, die man vor sich hin murmelte, wenn man nachts allein durch die Dunkelheit ging. Diese Geschichten waren wie die billigen Amulette, die man, nur für alle Fälle, einem Hausierer abkaufte. »Wie lange bleibt dieser Schreiber denn hier?«, fragte Graham nach einer Weile, und seine Stimme hallte in seinem Bierkrug wider. »Vielleicht sollte ich ein bisschen was aufschreiben lassen, nur für alle Fälle.« Er runzelte die Stirn. »Mein Vater hat immer ?Niederlegungen? dazu gesagt. Mir fällt grad nicht ein, wie das wirklich heißt.« »Wenn's nur um dein Hab und Gut geht, bezeichnet man das als ?letztwillige Verfügung?«, sagte der Wirt in sachlichem Ton. »Ansonsten gibt es da auch noch den sogenannten ?Erbvertrag?.« Graham hob eine Augenbraue und sah den Wirt an. »Hab ich jedenfalls so gehört«, sagte der, senkte den Blick und wischte mit einem sauberen weißen Tuch über den Tresen. »Der Schreiber hat so was in der Richtung erwähnt.« »Erbvertrag ...«, murmelte Graham in seinen Krug hinein. »Ich schätze mal, ich werd ihn einfach nur um ein paar Niederlegungen bitten, und er soll dann dafür sorgen, dass das alles seine amtliche Richtigkeit hat.« Er sah zu dem Wirt hinüber. »Andere Leute werden wahrscheinlich auch so was wollen – da die Zeiten nun einmal sind, wie sie sind.« Einen Moment lang sah es aus, als würde der Wirt gereizt die Stirn in Falten ziehen. Aber nein, er tat nichts dergleichen. Wie er dort hinter dem Tresen stand, sah er genau so aus wie immer und trug seine übliche gelassene, liebenswürdige Miene zur Schau. Er nickte. »Er hat erwähnt, dass er um die Mittagszeit hier seinem Gewerbe nachgehen wird. Die Ereignisse gestern Abend haben ihn ein bisschen mitgenommen. Wenn jemand noch vor der Mittagszeit bei ihm vorstellig werden möchte, wird er wahrscheinlich noch nicht zu sprechen sein.« Graham zuckte die Achseln. »Das ist egal. Bis zum Mittag wird der Ort ohnehin fast ausgestorben sein.« Er trank noch einen Schluck Bier und sah aus dem Fenster. »Heute ist ein Feldtag, so viel ist mal gewiss.« Der Wirt schien sich ein wenig zu entspannen. »Er ist übrigens morgen auch noch da. Die Leute müssen sich also nicht alle heute auf ihn stürzen. Man hat ihm in der Nähe von Abbot's Ford das Pferd geklaut, und jetzt will er sich ein neues beschaffen.« Graham blickte mitfühlend. »Der Arme. Jetzt in der Erntezeit wird er hier kein Pferd auftreiben, nicht für Geld und gute Worte. Selbst Carter hat für Nelly noch keinen Ersatz gefunden, nachdem ihn dieses Spinnenvieh hinter der alten Steinbrücke angefallen hatte.« Er schüttelte den Kopf. »Es kommt einem nicht recht vor, dass so was hier geschieht, keine zwei Meilen von der eigenen Haustür entfernt. Damals, als –« Graham hielt inne. »Ach du meine Güte, ich hör mich ja schon an wie mein alter Herr.« Er zog das Kinn ein wenig ein und gab seiner Stimme einen barscheren Klang. »Als ich ein kleiner Junge war, hatten wir noch richtiges Wetter. Der Müller hat den Daumen von der Waage gelassen, und jeder hat sich um seine eigenen Angelegenheiten gekümmert.« Der Wirt lächelte wehmütig. »Mein Vater hat immer gesagt, das Bier wäre besser gewesen und die Straßen nicht so ausgefahren.« Graham lächelte kurz, senkte dann aber den Blick, als sei es ihm unangenehm, was er nun sagen würde. »Ich weiß, du bist nicht hier aus der Gegend, Kote. Und das ist schwierig. Manche Leute hier meinen, einer von außerhalb hätte prinzipiell von Tuten und Blasen keine Ahnung.« Er atmete tief durch und sah den Wirt immer noch nicht wieder an. »Aber ich denke mal, du weißt Sachen, die andere nicht wissen. Du guckst gewissermaßen über den Tellerrand.« Nun sah er wieder hoch, mit ernstem und müdem Blick, die Augen von Schlafmangel umschattet. »Stehen die Dinge wirklich so schlimm, wie's in letzter Zeit aussieht? Die Straßen so schlecht ... Die ewigen Überfälle ...« Graham hatte sichtlich Mühe, nicht schon wieder auf die bewusste Stelle des Fußbodens hinabzusehen. »Die ganzen neuen Steuern rauben einem die letzten Reserven. Die Grayden-Jungs stehen kurz davor, ihren Hof zu verlieren. Und dann dieses Spinnenvieh.« Er trank noch einen Schluck Bier. »Stehen die Dinge wirklich so schlimm, wie's aussieht? Oder bin ich einfach nur alt geworden, so wie mein alter Herr, und jetzt schmeckt alles ein bisschen bitterer als damals, als ich ein kleiner Junge war?« Kote wischte eine ganze Weile über den Tresen, als widerstrebte es ihm, darauf zu antworten. »Ich glaube, die Dinge stehen meistens in der einen oder anderen Hinsicht schlimm«, sagte er. »Und es könnte sein, dass nur wir älteren Leute fähig sind, das wahrzunehmen.« Graham begann zu nicken und runzelte dann die Stirn. »Bloß dass du noch gar nicht alt bist, nicht wahr? Ich vergesse das meist.« Er musterte ihn. »Ich meine: Du bewegst dich wie ein Alter, und du redest wie ein Alter, aber du bist gar kein Alter, nicht wahr? Ich wette, du bist höchstens halb so alt wie ich.« Er sah ihn prüfend an. »Also, wie alt bist du?« Der Wirt schenkte ihm ein müdes Lächeln. »Alt genug, um mich alt zu fühlen.« Graham schnaubte. »Aber zu jung, um dich wie ein Alter aufzuführen. Du solltest doch eigentlich draußen rumtollen, den Weibern nachjagen und dich in Schwierigkeiten bringen. Aber darüber zu jammern, dass die Welt auch nicht mehr das ist, was sie mal war – das solltest du uns wirklich alten Leuten überlassen.« Der alte Zimmermann stand vom Tresen auf und wandte sich zum Gehen. »Wenn wir Mittagspause machen, komm ich wieder und sprech mal mit euerm Schreiber. Und ich werd da nicht der Einzige sein. Viele Leute werden irgendwelche Sachen haben, die sie auf amtliche Weise niedergelegt haben wollen, wenn sich schon mal die Gelegenheit dazu bietet.« Der Wirt atmete tief ein und langsam wieder aus. »Graham?« Der wandte sich noch einmal um, die Hand schon an der Tür. »Das siehst nicht nur du so«, sagte Kote. »Die Dinge stehen schlimm, und ich habe so das Gefühl, dass sie noch schlimmer werden. Es kann auf keinen Fall schaden, sich auf einen harten Winter einzustellen. Und darüber hinaus eventuell dafür zu sorgen, dass man sich nötigenfalls verteidigen kann.« Der Wirt zuckte die Achseln. »Das sagt mir jedenfalls mein Gefühl.« Graham kniff den Mund zu einem Strich zusammen und nickte knapp. »Tja, dann bin ich froh, dass ich mit diesem Gefühl nicht alleine bin.« Dann rang er sich ein Lächeln ab und begann sich die Ärmel aufzukrempeln. »Dennoch«, sagte er. »Heu soll man machen, solange die Sonne scheint!« Bald darauf kamen die Bentons mit einer Wagenladung Spätäpfel. Der Wirt kaufte ihnen die Hälfte ab und war anschließend eine Stunde lang damit beschäftigt, die Äpfel zu sortieren und einzulagern. Die noch ganz grün und fest waren, kamen in die Fässer im Keller. Er schichtete die Äpfel vorsichtig auf, füllte die Hohlräume mit Sägemehl und nagelte zum Schluss die Fassdeckel drauf. Die reiferen Äpfel wanderten in die Speisekammer, und alle, die irgendwie angeschlagen waren oder braune Stellen hatten, waren verurteilt, zu Apfelmost verarbeitet zu werden. Sie wurden geviertelt und in einen großen, blechernen Waschbottich geworfen. Während er sortierte und einlagerte, wirkte der rothaarige Mann zufrieden. Doch hätte man genauer hingesehen, so hätte man vielleicht bemerkt, dass sein Blick, während seine Hände beschäftigt waren, in weite Fernen schweifte, und dass aus seinem Gesichtsausdruck, wiewohl er gelassen war, keinerlei Freude sprach. Er summte oder pfiff nicht bei der Arbeit. Und er sang auch nicht dabei. Als er die Äpfel fertig sortiert hatte, trug er den Bottich zur Hintertür hinaus. Es war ein kühler Herbstmorgen, und hinter dem Wirtshaus befand sich, von einigen Bäumen umschirmt, ein kleiner, privater Garten. Kote kippte eine Ladung geviertelte Äpfel in die hölzerne Presse, die dort stand, und schraubte den Deckel drauf. Dann krempelte er sich die Ärmel hoch, packte mit seinen langen, anmutigen Händen die Griffe der Presse und zog. Die Presse drückte die Apfelstücke enger zusammen und zerquetschte sie dann. Drehen und neu zupacken. Drehen und neu zupacken. Wenn jemand zugesehen hätte, hätte der bemerkt, dass Kote nicht die teigigen Arme eines Gastwirts hatte. Während er an den Holzgriffen zog, traten seine Unterarmmuskeln wie Seilstränge hervor. Alte Narben zogen sich kreuz und quer darüber. Die meisten waren blass und dünn wie Risse im Eis. Andere aber waren rot und traten auf der hellen Haut deutlich hervor. Die Hände des Wirts packten zu und zogen, packten zu und zogen. Man hörte nur das rhythmische Knarren im Holz und das träge Plätschern, mit dem der Most in den darunter stehenden Eimer lief. Das Ganze hatte einen Rhythmus, aber es lag keine Musik darin, und die Augen des Wirts blickten abwesend und freudlos und waren so blassgrün, dass sie fast als grau durchgegangen wären. Kapitel 2 Stechpalme Der Chronist kam die Treppe herab und betrat den Schankraum des Wirtshauses zum Wegstein, seine flache Ledermappe über der Schulter. Im Durchgang verharrend, betrachtete er den rothaarigen Wirt, der sich aufmerksam über etwas auf dem Tresen beugte. Der Chronist räusperte sich, als er den Raum betrat. »Es tut mir leid, dass ich so lange geschlafen habe«, sagte er. »Das ist sonst gar nicht ...« Er verstummte, als er sah, was auf dem Tresen stand. »Backt Ihr Kuchen?« Kote, der gerade vorsichtig mit den Fingerspitzen den Teigrand formte, hob den Blick. »Ja. Wieso?« Der Chronist öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sein Blick huschte zu dem Schwert hinauf, das grau und still an der Wand hinter dem Tresen hing, und dann zu dem rothaarigen Mann zurück, der behutsam den Teig am Rand einer Backschale betastete. »Was ist es denn für ein Kuchen?« »Apfelkuchen.« Kote richtete sich auf und schnitt sorgfältig drei Schlitze in die Teigdecke. »Wisst Ihr, wie schwierig es ist, einen wirklich guten Kuchen zu backen?« »Äh, nein«, gestand der Chronist und sah sich nervös um. »Wo ist denn Euer Gehilfe?« »Selbst Gott wäre da aufs Geratewohl angewiesen«, sagte der Wirt. »So schwierig ist es. Kuchen backen, meine ich. Man möchte es nicht glauben, aber es gibt da unendlich viel, was man falsch machen kann. Brot backen ist einfach. Suppe kochen auch. Pudding sowieso. Aber Kuchen backen – das ist verzwickt. Und das ist etwas, das einem erst klar wird, wenn man es selbst mal ausprobiert hat.« Der Chronist nickte vage und schien nicht recht zu wissen, was sonst noch von ihm erwartet wurde. Er nahm seine Mappe zur Hand und legte sie auf einen Tisch. Kote wischte sich die Hände an der Schürze ab. »Wenn man Äpfel auspresst, um Apfelwein zu machen – kennt Ihr diese Fruchtmasse, die dabei übrig bleibt?« »Den Trester?« »Trester«, sagte Kote voller Erleichterung. »So heißt das. Was macht man damit, nachdem man den Saft rausgepresst hat?« »Aus Traubentrester kann man einen leichten Wein keltern«, sagte der Chronist. »Und wenn man größere Mengen davon hat, kann man auch Öl daraus gewinnen. Apfeltrester aber ist ziemlich nutzlos. Den kann man als Dünger oder Mulch verwenden, er taugt aber für beides nicht besonders gut. Meistens verfüttern ihn die Leute an ihr Vieh.« Kote nickte nachdenklich. »Es kam mir auch so vor, dass sie den Trester nicht einfach nur wegwerfen. Hier in der Gegend wird alles irgendwie noch weiterverwertet. Trester.« Er sprach es aus, als kostete er das Wort. »Darüber hab ich mir jetzt seit zwei Jahren immer mal wieder den Kopf zerbrochen.« Der Chronist guckte verdutzt. »Das hätte Euch doch jeder hier im Ort sagen können.« Der Wirt runzelte die Stirn. »Wenn es etwas ist, das jeder weiß, kann ich es mir nicht leisten, danach zu fragen«, sagte er. Man hörte eine Tür zufallen und dann ein fröhliches Pfeifen. Bast kam aus der Küche, einen Haufen dorniger Stechpalmenzweige auf den Armen, die in ein weißes Tuch gewickelt waren. Kote nickte entschlossen und rieb sich die Hände. »Wunderbar. Also wie –« Er kniff die Augen zusammen. »Ist das etwa eins von meinen guten Laken?« Bast blickte auf das Bündel hinab. »Na ja, Reshi«, sagte er. »Kommt drauf an. Hast du auch schlechte Laken?« Die Augen des Wirts blitzten kurz wütend, doch dann seufzte er. »Ist ja auch egal.« Er zog einen langen Zweig aus dem Bündel hervor. »Und was machen wir damit?« Bast zuckte die Achseln. »Ich tappe da selber auch im Dunkeln, Reshi. Ich weiß nur, dass die Reiter der Sithe Stechpalmenkronen trugen, wenn sie Jagd auf die Hauttänzer machten ...« »Wir können hier aber nicht mit Stechpalmenkronen auf dem Kopf herumlaufen«, sagte Kote. »Was sollen denn die Leute denken?« »Mir doch egal, was diese Bauerndeppen denken«, murmelte Bast und begann, einige der langen, biegsamen Zweige miteinander zu verflechten. »Wenn so ein Hauttänzer in deinen Körper schlüpft, wirst du zu seiner Marionette. Die können einen dazu bringen, dass man sich selbst die Zunge abbeißt.« Er hob sich einen halb fertigen Kranz über den Kopf und probierte, ob er passte. Dabei rümpfte er die Nase. »Piekst.« »In den Geschichten, die ich gehört habe«, sagte Kote, »konnte man sie mit Stechpalmenzweigen auch in einem Körper gefangen halten.« »Könnten wir nicht einfach nur etwas Eisen an uns tragen?«, fragte der Chronist. Die beiden Männern hinterm Tresen guckten ihn neugierig an, als hätten sie fast vergessen, dass er auch noch da war. »Es ist ja schließlich ein Faeling-Wesen.« »Sagt nicht ?Faeling?«, sagte Bast. »Ihr hört Euch ja an wie ein kleines Kind. Es ist ein Fae-Wesen. Ein Faen, wenn's sein muss.« Der Chronist zögerte kurz, ehe er fortfuhr. »Wenn dieses Wesen in den Körper von jemandem schlüpft, der Eisen an sich trägt – würde ihm das nicht wehtun? Würde es nicht sofort wieder herausschlüpfen?« »Die können einen dazu bringen, dass man sich selbst die Zunge abbeißt«, sagte Bast noch einmal, wie zu einem ganz besonders dummen Kind. »Wenn sie erst mal in einem stecken, reißen sie einem mit der eigenen Hand ein Auge aus. Das geht so einfach, wie man eine Blume pflückt. Wie kommt Ihr darauf, sie könnten sich nicht die Zeit nehmen, einen Armreif oder Ring zu entfernen?« Er schüttelte den Kopf und sah dann auf seine Finger hinab, die geschickt einen weiteren hellgrünen Stechpalmenzweig in den Kranz einflochten. »Und außerdem kommt es überhaupt nicht in Frage, dass ich Eisen trage.« »Wenn sie aus Körpern einfach so auch wieder herausschlüpfen können«, sagte der Chronist, »wieso hat dann der gestern Abend den Körper dieses Mannes nicht einfach wieder verlassen? Wieso ist er nicht auf einen von uns übergesprungen?« Einen Moment lang herrschte Schweigen, bis Bast bemerkte, dass die beiden anderen Männer ihn ansahen. »Da fragt Ihr mich?« Er lachte ungläubig. »Keine Ahnung. Anpauen. Die letzten Hauttänzer wurden vor Hunderten von Jahren zur Strecke gebracht. Lange vor meiner Zeit. Ich kenne das nur aus Geschichten.« »Woher wissen wir dann, dass er nicht übergesprungen ist?«, fragte der Chronist zögernd, als wagte er kaum, das anzusprechen. »Woher wissen wir, dass er nicht immer noch hier ist?« Er saß mit einem Mal ganz starr da. »Woher wissen wir, dass er jetzt nicht in einem von uns steckt?« »Er scheint gestorben zu sein, als der Körper des Söldners starb«, sagte Kote. »Sonst hätten wir ihn entweichen sehen.« Er sah zu Bast hinüber. »Das sieht doch angeblich aus wie ein dunkler Schatten oder ein Rauchwölkchen, wenn sie aus einem Körper entweichen, nicht wahr?« Bast nickte. »Und außerdem: Wenn er übergesprungen wäre, hätte er in dem neuen Körper wieder damit angefangen, Leute umzubringen. So machen sie es normalerweise. Sie springen immer weiter über, bis keiner mehr am Leben ist.« Der Wirt schenkte dem Chronisten ein beruhigendes Lächeln. »Seht Ihr? Vielleicht war es ja gar kein Hauttänzer. Vielleicht war es nur etwas Ähnliches.« Der Chronist blickte dennoch verunsichert. »Aber wie können wir da sicher sein? Er könnte jetzt in jedem hier im Ort stecken ...« »Zum Beispiel in mir«, sagte Bast ganz unbekümmert. »Vielleicht warte ich nur darauf, dass Ihr einen Moment lang nicht aufpasst, und dann beiße ich Euch in die Brust, direkt über dem Herzen, und sauge Euch das Blut aus. Wie man den Saft aus einer Pflaume saugt.« Der Chronist kniff den Mund zusammen. »Das ist nicht witzig.« Bast hob den Blick und warf dem Chronisten ein verwegenes, zähnebleckendes Lächeln zu. Doch etwas stimmte nicht mit diesem Gesichtsausdruck. Er hielt ein wenig zu lange an. Und das Lächeln war ein bisschen zu breit. Und der Blick war dabei nicht direkt auf den Chronisten gerichtet, sondern knapp an ihm vorbei. Bast hielt für einen Moment inne, und seine Finger flochten nicht mehr flink zwischen den grünen Blättern umher. Er blickte neugierig auf seine Hände und warf dann den halb fertigen Stechpalmenkranz auf den Tresen. Sein Lächeln ging langsam in eine ausdruckslose Miene über, und er sah sich mit stumpfem Blick im Schankraum um. »Te veyan?«, sagte er mit einer seltsamen Stimme, sein Blick nun glasig und verwirrt. »Te-tanten ventelanet?« Dann stürzte Bast mit erstaunlicher Schnelligkeit hinter dem Tresen hervor auf den Chronisten zu. Der sprang auf und wich panisch zurück. Er stieß zwei Tische und ein halbes Dutzend Stühle um, bis er schließlich über die eigenen Füße stolperte, zu Boden fiel und auf allen Vieren verzweifelt weiter auf die Tür zu kroch. Und während er kroch, sah sich der Chronist kurz hektisch um, sein Gesicht entsetzt und blass, nur um festzustellen, dass sich Bast lediglich drei Schritte weit fortbewegt hatte. Der dunkelhaarige junge Mann stand neben dem Tresen und krümmte und schüttelte sich vor Lachen. Eine Hand hielt er sich halb vors Gesicht, und mit der anderen zeigte er auf den Chronisten. Er lachte so lauthals, dass er kaum noch Luft bekam. Das ging so weit, dass er sich am Tresen festhalten musste. Der Chronist war fuchsteufelswild. »So ein Arsch!«, schrie er, während er unter Schmerzen wieder auf die Beine kam. »So ein Arsch!« Bast lachte immer noch so heftig, dass er kaum Luft bekam, und dabei hob er die Hände und machte halbherzige, krallende Bewegungen, wie ein Kind, das einen Bären nachahmt. »Bast«, tadelte der Wirt. »Reiß dich mal zusammen.« Doch während Kotes Stimme streng klang, leuchteten seine Augen vor Gelächter. Seine Lippen zuckten, mühten sich krampfhaft, die Mundwinkel unten zu halten. Ein Bild geknickter Würde, beschäftigte sich der Chronist damit,
Portraits
Patrick Rothfuss: Patrick Rothfuss, geboren 1973 in Wisconsin, unterrichtet als Universitätsdozent und lebt in Wisconsin. In seiner Freizeit schreibt er satirische Kolumnen. 2007 wurde Patrick Rothfuss mit dem Pulishers Weekly Award für das beste Fantasy-Buch des Jahres ausgezeichnet.
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«++++++++++10Sterne»
von einer Kundin oder einem Kunden
( 15.02.2013):
Auch im zweiten Teil verlässt Rothfuss auf keiner Seite seine sprachliche Brillanz und seine großartige Art, Geschichten zu erzählen. Das Warten auf diese Fortsetzung hat sich in jedem Fall mehr als gelohnt. Und auch wenn es mir schwerfällt: Er soll sich mit dem dritten Tag soviel Zeit lassen, wie er braucht um dieser Geschichte einen würdigen Abschluss und das fantastische Ende zu geben, dass sie verdient!
«Der zweite Tag bricht an»
von einer Kundin oder einem Kunden
( 22.07.2012):
Drei Tage würde Kvothe brauchen um uns die Geschichte seine Lebens zu erzählen. Der erste Tag ist bereits vergangen. Wir haben im Wirtshaus "Zum Wegstein" gesessen - ein Glas schweren Scutten in der Hand - und haben wie gebannt den Worten eines Mannes gelauscht, der sich von der Welt abgewandt und seine innere Größe lange schon vergessen hat. Doch während er uns mit seiner Geschichte beschenkte, sprachlich elegant und erzählerisch raffiniert, kehrte ein Teil dessen, was diesen Mann bereits in jungen Jahren zu einer lebenden Legende machte zurück. Wir haben es in seiner Stimme gehört und wir haben es in seinen Augen gesehen. Und nun, da der zweite Tag der Königsmörder-Chroniken anbricht, hoffen wir darauf, erneut einen Blick auf den wahren Kvothe erhaschen zu können...
Und diese Hoffnung ist nicht vergebens, denn Patrick Rothfuss hat nichts von seinem Zauber verloren! Die Fortsetzung seines überragenden schriftstellerischen Debüts "Der Name des Windes" hat mich auf ganzer Linie überzeugt.
Und so wünsche ich - mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen - eine genußreiche Lektüre.
«Endlich einmal wieder eine klassische Fantasygeschichte»
von einer Kundin oder einem Kunden
( 03.02.2012):
Es handelt sich hier um klassische Fantasyliteratur und um einen Erzählstil der nach meiner Meinung mit einem früheren David Eddings in seiner Belgariad Saga verglichen werden kann. Zum Inhalt selbst werde ich hier nicht eingehen, sonst verderbe ich dem Leser die Überraschung. Das Buch ist sein Geld wert.
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